„Die Depression hat sich zu einer nie gekannten Nachfrage gedreht“

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Unsplash/Noel Broda

Das vergangene Jahr war geprägt durch die Virus-Pandemie. Nun machen gleich mehrere Impfstoffe Hoffnung auf eine Normalisierung der Lage. Wir sprachen mit Stephan Schiller, CEO von Hermes International, einem Geschäftsbereich von Hermes Germany, über die Learnings aus 2020, den internationalen Warenverkehr sowie den Stellenwert der Logistik.

Herr Schiller, eine globale Herausforderung wie die Corona-Pandemie gab es in der jüngeren Vergangenheit nicht. Wie Studien zeigen wurden viele Unternehmen von den Auswirkungen überrascht. Wie geht Hermes International aus der Situation hervor? Welche positiven Aspekte können Sie aus der Krise mitnehmen – was sind die Learnings? 

Wir von Hermes International bedienen fast alle Logistik-Segmente: von der Luft- und Seefracht, über Bahn und LKW bis hin zum globalen E-Commerce. Daher haben wir alle Stadien der Pandemie miterlebt – beziehungsweise sind noch mittendrin. Was mit einer großen Depression im März gestartet ist, hat sich zu einer nie gekannten Nachfrage gedreht, mit enormen Auswirkungen auf die Preisstruktur und Kapazitäten.

Daher ist mein erstes Learning: Es gibt nichts was es nicht gibt – oder was eventuell noch kommen kann. Für uns als Dienstleister gilt daher, mehr noch als vor der Pandemie, Antworten auf Fragestellungen bereitzuhalten, die es noch gar nicht gibt. Das ist eine spannende Aufgabe und macht diese Industrie so einzigartig.

Konnten Sie bei Hermes International im Zusammenhang mit der Pandemie eine veränderte Kundennachfrage beobachten? Welche Services oder Dienstleistungen wurden verstärkt nachgefragt?

Die gesamten Prozessschritte im E-Commerce laufen zurzeit auf einem sehr hohen Niveau. Prinzipiell ist kein Prozess und kein Verkehrsträger ausgenommen. Lediglich die Luftfracht hat mit sehr eigenen strukturellen Herausforderungen zu kämpfen, da der internationale  Passagierverkehr noch nicht wieder zurück ist.

Angefangen von der Beschaffungslogistik aus den Märkten bis zur letzten Meile, sind wir in allen Disziplinen vertreten. Unsere Expertise und Dienstleistungen werden aktuell in allen Bereichen stark nachgefragt, worüber wir uns selbstredend freuen.

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Stephan Schiller, CEO Hermes International und Managing Director der Hermes Europe GmbH.

Die ohnehin steigenden Umsätze im Onlinehandel haben während der Pandemie noch einmal deutlich angezogen: Das Statistische Bundesamt teilt mit, dass die Branche im August 2020 ein Umsatzplus von 22,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr erwirtschaften konnte. Wird diese Entwicklung anhalten? Und was bedeutet das für den internationalen Warenverkehr?

Der Onlinehandel bzw. globale E-Commerce hat noch einmal immens an Fahrt hinzugewonnen, die Pandemie wirkt wie ein Turboantrieb. Diese Entwicklung ist unumkehrbar und wird weiterhin anhalten, wenngleich ich davon ausgehe, dass die Wachstumsraten leicht abnehmen werden.

Der Wandel von Off- zu Online hat inzwischen jede Bevölkerungsschicht erreicht. Er zwingt Händler, ihr Online-Angebot zu stärken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Händler, die sich rasch an die wechselnden Rahmenbedingen anpassen konnten, haben bereits von der Pandemie profitieren können. Einige unserer Kunden konnten den Umsatzausfall des ersten Lockdowns mit gestiegenen Online-Umsätzen mehr als kompensieren.

Der internationale Warenverkehr wird sich künftig noch stärker auf den Onlinehandel ausrichten und die resiliente Ausgestaltung der Supply Chain vor dem Hintergrund zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor. Darüber hinaus hoffe ich, dass das Thema Nachhaltigkeit in der Ausrichtung von Lieferketten an Relevanz gewinnt.

Es scheint, als sei die Wertschätzung für logistische Prozesse sowie der Stellenwert der Logistik in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ohne die Logistik wäre die Verschiebung von Off- zu Online nicht möglich gewesen. In der Folge erleben wir aktuell, dass der Stellenwert der Logistik in der Wahrnehmung gestiegen ist. Die Frage ist, wie nachhaltig dies geschieht. Denn gleichzeitig ist der Markt insgesamt auch durch einen hohen Kostendruck geprägt. Viele Unternehmen sehen die Logistik deshalb noch immer als ein Kostenfaktor. Dabei hat sich nicht zuletzt in den vergangenen Monaten beeindruckend gezeigt, dass die Logistik ein wichtiger Enabler sein kann.

Verschiedene Impstoffe drängen aktuell auf den Markt. Die Hoffnung auf ein „Zurück zur Normalität“ wächst. Für den „New Normal“-Zustand wurden unter anderem die Rückbesinnung auf regionale Produktionsstandorte oder das Vorhalten von regionalen Lagerkapazitäten propagiert. Welche langfristigen Auswirkungen der Pandemie erwarten Sie, im Hinblick auf die Produktion und die Logistik?

Die Erfahrungen der vergangenen Monate werden möglicherweise ein breitere Aufstellung von Lieferketten nachsichziehen: Eine größere Diversifizierung in den Beschaffungsstrukturen, im Hinblick auf Geographie sowie Lieferanten und möglicherweise größere temporäre Lagerbestände könnten die Folge sein.

Letztendlich wird das jeweilige Verhalten der Unternehmen stark von den Produkten abhängen. Pharmaerzeugnisse, Kleidung, Elektronik – die Anforderungen variieren immens und werden sehr individuelle Lösungen erfordern. Auch hier spielt die Logistik und ein effizientes Supply Chain Management erneut eine entscheidende Rolle.

Herr Schiller, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute.

 

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