Lieferketten nach Corona: Ein Blick in die Zukunft des SCMs

SCM nach Corona

Unsplash/Marcin Jozwiak

Die Folgen der Corona-Pandemie sind noch nicht klar abzusehen, aber eines scheint bereits sicher: Das SCM wird sich stark verändern und die Signifikanz eines fundierten Supply Chain Risikomanagements zunehmen. Wir wagen einen Blick in die Zukunft des SCMs.

Nach einer Blitzumfrage der Unternehmensberatung Inverto unter rund 100 Entscheidern verschiedener Branchen sind neun von zehn Befragte der Meinung, dass das SC-Risikomanagement künftig einen neuen Stellenwert einnehmen wird. 46 Prozent der Teilnehmer erwarten darüber hinaus einen Lerneffekt für künftige Krisen sowie eine veränderte Lieferkettenstruktur durch die Annäherung von Beschaffungs-und Absatzmärkten (42 Prozent).

SCM: Mehrheit rechnet mit Veränderungen

Auch wenn die Blitzumfrage erste Indizien zu möglichen Veränderungen im SCM liefert – welche langfristigen Effekte die Pandemie tatsächlich haben wird, ist aktuell noch nicht vorhersehbar. Jedoch erwarten laut Inverto 88 Prozent der Entscheider dauerhafte Veränderungen. Wir haben einige mögliche Zukunftsszenarien zusammengetragen.

  • Lokalisierung und Globalisierung – Glokalisierung?

Die Pandemie hat gezeigt, wie fragil globale Lieferketten sein können. Daher rechnet die Unternehmensberatung McKinsey mit einer stärkeren Regionalisierung der Wirtschaft, um die Versorgungssicherheit in Krisensituationen künftig zu verbessern.

In einer aktuellen Umfrage im Auftrag von „Der Spiegel“ sagten darüber hinaus lediglich 38,3 Prozent der Befragten, dass sie die Globalisierung eher als Chance sehen. 57,7 Prozent empfinden sie hingegen als Risiko. Vor drei Jahren empfanden noch 63,5 Prozent der Teilnehmer die Globalisierung als Chance, lediglich 38,8 Prozent bezeichneten sie als riskant.

Aktuell wird daher das Konzept der „glokalisierten“ Supply Chain diskutiert, das die Vorteile der Globalisierung sowie der Lokalisierung kombinieren soll. So geht McKinsey davon aus, dass künftig lokalere Strukturen geschaffen würden und durch den Rückgang der Lohnunterschiede der europäische Bedarf beispielsweise künftig in Osteuropa produziert werden wird.

  • Digitalisierung für Transparenz und Resilienz

Eine aktuelle PwC-Studie konstatiert, dass digitale Vorreiter agiler und reaktionsschneller auf disruptive Veränderungen der Supply Chain reagieren können. In der aktuellen Lage sind Unternehmen mit einem hohen Digitalisierungsgrad demnach im Vorteil.

Experten rechnen damit, dass sich der ohnehin vorhandene Trend zur Digitalisierung der Supply Chain verstärken wird. Unternehmen erkennen in der derzeitigen Ausnahmesituation zunehmend die Wettbewerbsvorteile, die eine digitalisierte Lieferkette bietet: Als in der jüngsten Krise Häfen geschlossen und Luftfrachtkapazitäten eng wurden, konnten bereits digitalisierte Unternehmen beispielsweise zeitnah Alternativen schaffen und dadurch Kosten sparen sowie die Transparenz der Supply Chain wahren. Eine transparente, aktive Supply Chain Planung bietet die Grundlage, um die eigenen Prozesse resilienter und somit krisensicherer auszugestalten.

  • Das Ende von Just-in-Time?

In der aktuellen Krisensituation kam es vermehrt zu Engpässen und Lieferausfällen. Einige Branchen verzeichnet in der Folge einen Rückgang oder sogar einen Stillstand der Produktion. Um derartigen Szenarien vorzubeugen, sagen zahlreiche Stimmen das Ende von Just-in-Time voraus und sprechen sich für eine umfangreiche Bevorratung aus.

Für manche Branchen ist ein solches Vorgehen sicherlich denkbar. Eine Kosten-Nutzen-Analyse kann Aufschluss geben, ob es wirtschaftlicher ist ein kostspieliges Lager für eine gesicherte Produktion anzulegen oder einen Engpass durch eine Just-in-Time-Belieferung zu riskieren.

Für Branchen wie die Automobilindustrie, die auf sehr variantenreiche Einzelteile angewiesen ist, wird die Just-In-Time-Belieferung jedoch auch künftig wirtschaftlich sinnvoller sein, als tausende Teile längerfristig in eigenen Lagern vorzuhalten. Diskutiert wird für diese Branchen jedoch der Ausbau der eigenen Kompetenzen, um die Unabhängigkeit für Teilbereiche innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette zu erhöhen.

  • Beschaffung: Multiple Sourcing

Eine Umfrage des Beratungsunternehmens Abels & Kemmner in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft für wirtschaftliche Fertigung legt nahe, dass sich die Lieferantenstruktur in der Zukunft ändern wird. So gaben mehr als 80 Prozent der 250 befragten Entscheider aus den Bereichen Produktion, Logistik, Supply Chain Management, Einkauf und Arbeitsvorbereitung an, dass es künftig mehr Multiple Sourcing geben wird. Mehr als acht von zehn Befragten gehen darüber hinaus davon aus, dass Kunden in Europa vermehrt mit europäischen Lieferanten zusammenarbeiten werden.

Unternehmen könnten ihre Produkte künftig bewusst von mehreren Quellen aus unterschiedlichen Regionen beschaffen, um sich besser vor Lieferengpässen oder Lieferkettenunterbrechungen zu schützen. Eine deutliche Mehrheit von 66 Prozent der Umfrageteilnehmer erwartet beispielsweise einen Rückgang der Beschaffungsmengen aus China.

  • Risikomanagement

Nicht nur die die Befragten der Inverto-Umfrage gehen davon aus, dass das Risikomanagement in der Zukunft einen höheren Stellenwert einnehmen wird. Auch Experten rechnen mit einem Anstieg der Risikoprävention innerhalb des Supply Chain Managements. Laut einer jüngst erschienen BME-Studie hatten lediglich 22 Prozent der befragten Verbandsmitglieder ein Pandemie-Szenario in ihren Risikomanagement-Aktivitäten berücksichtigt. Maßnahmenpläne hatten wiederum lediglich die Hälfte dieser Unternehmen, wodurch 89 Prozent der Unternehmen unvorbereitet in die Corona-Pandemie gesteuert sind.

Nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen kann davon ausgegangen werden, dass viele Unternehmen ein SC-Risikomanagement etablieren und neben der Reduzierung von Abhängigkeiten auch Pandemie-Szenarien verstärkt in den Fokus rücken werden.

  • Grüne Logistik – Nachhaltigkeit im SCM

Die Erwartungen an Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren stetig verändert: Waren es vor einigen Jahren überwiegend die Konsumenten, die Nachhaltigkeit forderten, sprechen sich zunehmend auch Investoren und weitere Stakeholder für umwelt-, klima- und sozial verträgliches Wirtschaften aus. Auch das 12. Hermes-Barometer belegt, dass die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit für sieben von zehn der 200 befragten Logistikentscheider in den vergangenen zwei Jahren zugenommen hat.

Ein wirklicher Wandel steht laut Barometer aktuell zwar noch aus. Die Überlegungen zur Lokalisierung einzelner Supply Chain Prozesse könnten jedoch durch den ohnehin vorhandenen Trend zur nachhaltigeren Ausgestaltung der Lieferkette bestärkt werden.

Ungewisse SCM-Zukunft

Da die Corona-Pandemie nach wie vor starken Einfluss auf die Abläufe globaler Lieferketten hat, ist noch nicht vorhersehbar, wie stark sich die hier skizzierten Szenarien in der künftigen SCM-Praxis wiederfinden werden.

In Einem sind sich Experten und Branchenkenner jedoch einig: Die bereits vor Corona bestehenden Trends zur transparenten und digitalisierten Supply Chain sowie die Ansätze zum nachhaltigen Wirtschaften, werden sich durch die Pandemie verstärken und langfristig Einfluss auf die Lieferketten nehmen.

Weiterführende Resourcen:

Die Umfrage des Beratungsunternehmens Inverto können Sie hier nach vorheriger Eingabe Ihrer Daten kostenfrei einsehen.

Die Umfrage „Die neuen Normalitäten im Supply Chain Management nach Corona“ des Beratungsunternehmens Abels & Kemmner in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft für wirtschaftliche Fertigung können Sie ebenfalls nach Eingabe Ihrer Daten hier studieren.

Die gesamte Mitteilung des BME können Sie hier kostenfrei lesen.

Das aktuelle Hermes-Barometer zur „Nachhaltigkeit im Supply Chain Management“ können Sie hier kostenfrei herunterladen.

 

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