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Lieferkettengesetz 2023: “Auch KMU und Lieferanten sind betroffen”

von Editorial Office

Ab dem 1. Januar 2023 verpflichtet das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeiter*innen in Deutschland zu umfangreichen Sorgfaltspflichten gegenüber Menschen und Umwelt in ihrer Wertschöpfungskette. Ein Jahr später wird das Gesetz auch für Organisationen mit mehr als 1.000 Beschäftigten wirksam. Warum auch kleine und mittelständische Unternehmen betroffen sind und was sie zur Vorbereitung tun können, beantworten Judith Jung, Fachgruppen-Referentin beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) und Projektmanagerin beim Kompetenzzentrum innovative Beschaffung (KOINNO) sowie Carsten Knauer, Leiter der BME-Sektion Logistik.

Direkt betroffene Unternehmen müssen umfangreiche Sorgfaltspflichten erfüllen. Welche sind das im Wesentlichen?

Judith Jung: Zu den gesetzlich definierten Sorgfaltspflichten zählen die Verabschiedung einer Grundsatzerklärung, das Verankern von Präventions- und Abhilfemaßnahmen, die Einrichtung eines Beschwerdeverfahrens sowie die fortlaufende Dokumentation aller Maßnahmen inklusive der Veröffentlichung eines Jahresberichtes.


Besonderes Augenmerk liegt auf der Entwicklung eines Risikomanagements und fortlaufenden Risikoanalysen entlang der Supply Chain.

Eine detaillierte Checkliste des BME zeigt für jede Sorgfaltspflicht, welche Mindestanforderungen laut Gesetz vorgeschrieben sind und welche Aktivitäten darüber hinaus sinnvoll sein können. Bei Pflichtverletzungen drohen den betroffenen Unternehmen Bußgelder und Sanktionen wie der Ausschluss von öffentlichen Ausschreibungen.

Judith Jung Judith Jung, Fachgruppen-Referentin beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) und Projektmanagerin beim Kompetenzzentrum innovative Beschaffung (KOINNO)

Judith Jung, Fachgruppen-Referentin BME und Projektmanagerin beim Kompetenzzentrum innovative Beschaffung (KOINNO)/ BME. e.V.

“In ihrer Rolle als direkte Lieferanten spielen KMU bei der Umsetzung des Lieferkettengesetzes eine entscheidende Rolle.”

Carsten Knauer, Leiter der Sektion Logistik beim BME

Carsten Knauer, Leiter Sektion Logistik beim BME/ BME. e.V.

Das deutsche LkSG adressiert zuerst große Unternehmen. Sind KMU davon überhaupt betroffen?

Carsten Knauer: Auch mittelbare – also indirekte – Zulieferer bleiben nicht unberührt, jedes Unternehmen in der Supply Chain wird indirekt adressiert.

Das Gesetz erwartet von direkt betroffenen Unternehmen sofortiges Handeln bei substantiierter Kenntnis eines Verstoßes.Das bedeutet: Liegen Anhaltspunkte vor, welche die Verletzung einer menschenrechtlichen oder umweltbezogenen Pflicht bei einem mittelbaren Zulieferer auch nur möglich erscheinen lassen, muss das Unternehmen eine Überprüfung und gegebenenfalls Maßnahmen zur Abhilfe einleiten.

Judith Jung: Kleine und mittelständische Unternehmen spielen als unmittelbare (direkte) Lieferanten eine entscheidende Rolle. Die betroffenen Organisationen sind nicht nur im eigenen Geschäftsfeld zum Handeln verpflichtet, sondern müssen auch Verantwortung für ihre Supply Chain übernehmen. Verlangt wird, so wörtlich, die „Identifizierung, Bewertung und Priorisierung relevanter menschenrechtlicher und umweltbezogener Risiken auch bei direkten und indirekten Zulieferbetrieben“.

Welche Maßnahmen und Informationen die Lieferanten beizutragen haben, entscheidet schlussendlich der vom Gesetz betroffene Auftraggeber. Nicht zu vergessen ist auch das EU-Lieferkettengesetz, das die EU-Kommission bereits vorgelegt hat und welches bereits für Unternehmen ab 500 Mitarbeiter*innen gültig werden soll.

“Das LkSG wird ab 2023 Einfluss auf die künftige Einkaufsstrategie von Unternehmen haben.”

Wie werden Großunternehmen sich gegen Risiken absichern und was heißt das für die Lieferanten?

Carsten Knauer: Die Unternehmen müssen im Rahmen von Risikoanalyse und -management anhand angemessener und transparenter Kriterien – entweder im Rahmen der Lieferantenbewertung oder als separate Analyse – ihre unmittelbaren Zulieferer prüfen. Die gewonnen Erkenntnisse sollten in jedem Fall Auswirkungen auf die künftige Einkaufsstrategie haben, beispielsweise in dem risikoreiche Beschaffungsmärkte eher gemieden werden. Ein Mittel ist auch das strategische Warengruppenmanagement, welches die Risiken einzelner Beschaffungsmärkte und Warengruppen gewichtet.

Judith Jung: Unternehmen werden zukünftig potenzielle und bestehende Zulieferer genau prüfen, denn das Gesetz macht für die Einhaltung der Gesetzesanforderungen unter Umständen eine Anpassung der Beschaffungsstrategien und Einkaufspraktiken erforderlich. Im Rahmen der Präventionsmaßnahmen nach §6 Absatz 4 sind direkt betroffene Unternehmen zudem ausdrücklich verpflichtet, ihre Erwartungen bezüglich der Sorgfaltspflichten gegenüber ihren unmittelbaren Zulieferern zu kommunizieren und eine vertragliche Zusicherung einzuholen, dass diese Erwartungen erfüllt und – ein entscheidender Punkt – auch entlang der eigenen Supply Chain des Lieferanten angemessen adressiert werden. Weiterhin verlangt wird unter anderem die Vereinbarung angemessener vertraglicher Kontrollmechanismen, um die Einhaltung zu überprüfen und verpflichtet betroffene Unternehmen zu diesem Zweck auch zu Schulungen und Weiterbildungen bei den zuliefernden Unternehmen.

Was bedeutet das Gesetz für globale Märkte wie z.B. China, Indien oder Bangladesch?

Judith Jung: Vor dem Gesetz ist es nicht ausschlaggebend, wo auf der Welt sich ein direkter oder indirekter Zulieferer befindet. Das Gesetz betrifft indirekt Lieferanten in allen internationalen Beschaffungsmärkten. Wenn Unternehmen die Risikopotenziale für bestimmte Produzenten oder Warengruppen als erhöht einschätzen, werden diese in den Fokus der Risikoanalyse rücken.

“Es ist für das Lieferkettengesetz nicht ausschlaggebend, wo auf der Welt sich ein Lieferant befindet.”

Welche Werkzeuge haben Großunternehmen, um das Einhalten der Sorgfaltspflicht zu verankern und regelmäßig zu überprüfen?

Judith Jung: Es gibt über den gesamten Lieferantenmanagementprozess hinweg Methoden und Instrumente, um Risiken in den Einkaufsprozessen und der Beschaffungsstrategie vorzubeugen. Das reicht von der Lieferantenauswahl und -entwicklung bis – im schlimmsten Fall – zur Beendigung der Geschäftsbeziehung. Neben der Risikoanalyse sind mögliche Instrumentarien die Aufnahme der LkSG-Normen in die Vergabekriterien und die Allgemeinen Einkaufsbedingungen (AEB) sowie das Festlegen von Sonderkündigungsrechten in den AGB. Ein hilfreiches Instrument ist auch ein Code-of-Conduct, der, falls schon bestehend, entsprechend erweitert werden kann. Darüber hinaus empfehlen wir, eine Eigenerklärung des Lieferanten zur Einhaltung der Sorgfaltspflichten einzufordern. Weiterhin können Unternehmen, ein Kriterium für Menschenrechte in die Lieferantenbewertung  integrieren und Audits speziell in Betriebsstätten außerhalb des Hauptsitzes durchführen.

Wie sollten sich KMU und Lieferanten vorbereiten?

Carsten Knauer: Zulieferer, die in Qualitäts- und Risikomanagement investieren, könnten in Zukunft in Auswahlprozessen und bei Vertragsverhandlungen im Vorteil sein. Eine Social-Compliance-Zertifizierung zum Beispiel sendet positive Signale in Richtung bestehender und potenzieller Auftraggeber. So hilft ein Umweltmanagementsystem nach ISO 14001 Unternehmen dabei, Risiken effektiv zu managen. Die Norm SA8000 regelt Arbeitsbedingungen bei Zulieferern insbesondere in jenen Ländern, in denen sich gesetzliche Vorgaben nur schwer durchsetzen lassen. Auch der Aufbau eines Qualitätsmanagementsystems nach ISO 9001 in Verbindung mit einer Nachhaltigkeitsberichterstattung erfüllt in weiten Teilen die Anforderungen des LkSG.

Judith Jung: Was benötigt wird oder erforderlich ist, gibt schlussendlich der durch das Gesetz direkt betroffene Kunde vor. Wenn ein kleines oder mittelständisches Unternehmen als unmittelbarer Lieferant agiert, kann es jedoch bereits vorab freiwillig prüfen, ob im eigenen Geschäftsbetrieb die Mindestanforderungen der Sorgfaltspflichten erfüllt sind und keine Verstöße vorliegen. Auch Prüfungen der eigenen Zulieferer, das Festlegen von Verantwortlichkeiten und die Dokumentation von Maßnahmen sind möglich. Im Zuge dessen können bereits entsprechende Informationen und Daten recherchiert und vorbereitet werden. Auch indirekte Lieferanten können sich auf diese Weise vorsorglich gemäß den Richtlinien aufstellen.

“Transparenz gewinnt auf allen Stufen des Liefernetzwerks an Bedeutung.”

Wie können Risikoanalyse und Risikomanagement insbesondere bei KMU umgesetzt werden?

Carsten Knauer: Für die Einführung eines Risikomanagements muss ein sauberer Prozess aus Identifikation, Bewertung, Ableitung von Maßnahmen und regelmäßiger Überprüfung definiert werden. Sehr wichtig dabei: Es sollten möglichst alle betroffenen Abteilungen einbezogen und darauf geachtet werden, dass weder der Prozess noch das spätere aktive Risikomanagement isoliert in einem Silo – zum Beispiel beim Einkauf –  abläuft. Eine BME-Logistikstudie hat ergeben das Risikomanagement bisher kaum abteilungsübergreifend stattfindet – es fehlt im Unternehmen oftmals an Transparenz und Vernetzung.

Judith Jung: Transparenz bezüglich potenzieller Risiken gewinnt im eigenen Geschäftsfeld und auf allen Stufen des Liefernetzwerks an Bedeutung. Art und Gewichtung der Risiken können dabei je nach Warengruppen oder Beschaffungsregion stark variieren. So können Unternehmen ihr eigenes Geschäft und die Supply Chain nach Material-, Lieferanten-, Transport- oder Marktrisiken aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Fragen für die Bewertung können sein: Wie wahrscheinlich ist ein Risiko? Wie wirkt es sich aus? Welche Punkte sind besonders kritisch? Die Herangehensweise der Risikoklassifizierung muss individuell und systematisch erarbeitet werden.

Um Unternehmen intern und extern zu vernetzen – welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach strategisches SCM und die Nutzung kollaborativer Tools?

Carsten Knauer: Unternehmen, die strategisches Supply Chain Management betreiben und entsprechende Tools nutzen, arbeiten bereits eng mit ihren Lieferanten zusammen, sind gut vernetzt und teilen relevante Informationen. Das sorgt bereits für eine erhöhte Transparenz in der Lieferkette, die auch für die Umsetzung des LkSG erforderlich ist. Der Mehraufwand für die Implementierung entsprechender Monitoring-Maßnahmen und dafür erforderlicher digitaler Tools in der Lieferkette ist deutlich geringer, effizienter umsetzbar und stößt bei den bereits gut integrierten Lieferanten in der Supply Chain in der Regel auf größere Akzeptanz. Ein großer Vorteil ist auch, dass schon Daten gesammelt werden, welche die Risikobewertung und das Risikomanagement wesentlich erleichtern.

Frau Jung und Herr Knauer, wir bedanken uns bei Ihnen für das Gespräch!

Judith Jung leitet beim Bundesverband für Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) sechs Fachgruppen zu unterschiedlichen strategischen Einkaufsthemen, u.a. „Trends & Transformation im Einkauf“ oder „Prozesse & Tools im Einkauf“. Außerdem unterstützt sie im Rahmen des Kompetenzzentrums innovative Beschaffung (KOINNO) öffentliche Auftraggeber bei der strategischen Neuausrichtung und Transformation ihrer Beschaffungsabteilungen.

Carsten Knauer ist als Leiter der Sektion Logistik verantwortlich für die Logistikfachgruppen beim BME. Schwerpunkte sind hierbei die Themen SCM und die jährliche BME-Logistikstudie. Daneben ist er Ansprechpartner für Themen rund um den Einkauf von Dienstleistungen.

Das Kompetenzzentrum innovative Beschaffung (KOINNO) ist ein Förderprojekt mit dem Ziel, die Innovationsorientierung der öffentlichen Beschaffung in Deutschland nachhaltig zu stärken. Das Kompetenzzentrum wird ausgeführt vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK).

Der Bundesverband für Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) unterstützt als führender Fachverband und Netzwerkpartner deutschland- und europaweit Verantwortliche aus Einkauf, Supply-Chain-Management und Logistik mit Know-how-Transfer, die Aus- und Weiterbildung sowie der Förderung neuer Erkenntnisse, Verfahren und Techniken an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis.

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