SC-Riskmanagement: „Lieferfähigkeit auch in globalen Krisenzeiten sicherstellen“

SC-Riskmanagement Interview

Unsplash/Harleen Kaur Sethi

Angesichts steigender Anforderungen gewinnt das Supply Chain Riskmanagement für immer mehr Unternehmen an Bedeutung. Zentral für Logistikentscheider ist die Frage, wie sie ihre Supply Chain gegen Risiken absichern können. Wir sprachen mit Tobias Ruscheweyh, Head of Branch bei Hermes International, einem Geschäftsbereich von Hermes Germany, über Maßnahmen und Notfallmechanismen für eine resiliente Lieferkette.

Ende 2019 konstatierte das 11. Hermes-Barometer zum Thema „Risikoprävention und Versorgungssicherheit in der Supply Chain“ , dass nur vier von zehn Unternehmen ein ganzheitliches SC-Risikomanagement betreiben – trotz steigender Gefährdungslage.

Wenige Monate später überraschte das Ausmaß der Corona-Pandemie die große Mehrheit der Unternehmen. Einer aktuellen Studie des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) zufolge, hatten lediglich 11 Prozent der befragten BME-Mitglieder Notfallmaßnahmen entwickelt, um flexibel auf ein Pandemie-Szenario reagieren zu können.

Herr Ruscheweyh, die Pandemie hat teilweise zu massiven SC-Disruptionen geführt. Welche Auswirkungenwaren besonders spürbar?

Durch den Lockdown und die damit verbundenen Schließungen von Produktionsstätten kam es primär zu Engpässen hinsichtlich der Warenverfügbarkeit. Nach der sukzessiven Öffnung von Standorten gab es wiederum Engpässe bei der Verladung und beim Transport. In diesem Fall betrafen die Auswirkungen jedoch nicht nur einzelne Unternehmen. Ganze Branchen waren betroffen – jedes Unternehmen sorgte sich um die Verfügbarkeit von Transportkapazitäten. Trotz der erschwerten Bedingungen ist es uns gemeinsam mit unseren Kunden gelungen, die Transportbedürfnisse zu befriedigen.

Konnten Sie grundsätzlich eine veränderte Nachfrage z.B. nach Unterstützung im Bereich SC-Risikoprävention feststellen? Und wenn ja, wie reagieren Sie darauf?

Durch die erneute Zuspitzung der Pandemie-Situation und den damit einhergehenden Einschränkungen, liegt der Fokus unserer Kunden klar auf der reibungsarmen Abwicklung ihres Tagesgeschäftes und der Sicherstellung einer zeitgemäßen Auslieferung ihrer Waren.

Dennoch unterstützen wir unsere Kunden im Bereich SC-Risikoprävention. Unser Riskmanagement Tool ist bereits aktiv, so dass wir aktuell weltweit alle relevanten Verkehrsknotenpunkten überwachen und unsere Kunden frühzeitig über Störungen und potentielle Gefahren informieren können.

Die Anwendung wird beständig optimiert: In der kommenden Entwicklungsphase gilt es, die Eintrittswahrscheinlichkeit von Störungen und Gefahren zu analysieren und entsprechende Lösungsmaßnahmen zu entwickeln. Diese Maßnahmen sollen unterstützend über einen Actionplanner gesteuert werden. Im Ernstfall wird dann automatisch ein vorab konfigurierter Prozess gestartet. Zunächst wird es dabei um gezielt gesteuerte Informations- und Benachrichtigungsprozesse gehen, damit Unternehmen möglichst reaktionsschnell agieren können.

Reaktionsschnell reagieren, dazu braucht es Notfallpläne. Welche Pläne sollten Unternehmen Ihrer Meinung nach bereithalten? Was können geeignete Maßnahmen sein?

Logistikdienstleister verfügen im Regelfall über Optionen bzw. Alternativen, um Lieferengpässe weitestgehend kompensieren zu können. Unternehmen sollten sich daher bei ihren Dienstleistern darüber informieren, welche Möglichkeiten im Ernstfall zur Verfügung stehen.

Der erste Schritt bei dem Aufbau eines Supply Chain Riskmanagements ist grundsätzlich die Professionalisierung des sogenannten Trouble Shootings. Dieses sollte schrittweise optimiert werden. Dabei geht es um die Realisierung einer vollständig transparenten Lieferkette, eine Analyse potentieller Risiken sowie die Identifikation von Störfaktoren und die Entwicklung von Maßnahmen bzw. Lösungsszenarien zur Beseitigung dieser. Darüber hinaus gilt es, die gesamte Organisation einzubinden und Verantwortlichkeiten klar zu definieren.

Prinzipiell kann es jederzeit zu einer Disruption globaler Lieferketten kommen. Was raten Sie Unternehmen, die ihre Supply Chain langfristig gegen Risiken absichern wollen? Welche Schritte sollten Logistikentscheider auf dem Weg zur resilienten Supply Chain gehen?

Wie bereits angedeutet, sind die volle Transparenz der Lieferkette, Agilität, Flexibilität sowie die Entwicklung von Lösungsszenarien wichtige Aspekte, um auf Störungen reagieren zu können. Darauf sollte auch die eigene Organisation und die Auswahl der Dienstleister sukzessive ausgerichtet werden.

Die Beschaffung hat im Wesentlichen das Ziel, Qualität und Kosten auf einem rentablen Niveau zu halten. Um Lieferunterbrechungen durch lange Transportwege zu vermeiden, sollte insbesondere das Sourcing bzw. die Auswahl geeigneter Lieferanten und Produktionsstandorte lokale Alternativen beinhalten. Künftig wird es ein Wettbewerbsvorteil sein, verstärkt geographisch näher liegende Märkte in die Planung einzubeziehen, um die Lieferfähigkeit auch in globalen Krisenzeiten sicherzustellen.

Darüber hinaus kann es hilfreich sein, einen Risikofaktor in die Logistikkosten einzukalkulieren bzw. Rücklagen zu planen, um für kommende Krisen besser abgesichert zu sein.

Nicht zuletzt ist die stetige Digitalisierung der Prozesse ein weiterer wichtiger Punkt auf dem Weg zur resilienten Supply Chain. Die Pandemie war und ist auch ein Weckruf, sich ernsthaft mit Digitalisierungserfordernissen auseinanderzusetzen und die damit verbundenen Prozesse und „Altbekanntes“ auf den Prüfstand zu stellen.

Welchen Stellenwert wird das SC-Risikomanagement vor diesem Hintergrund künftig einnehmen?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Abhängig von der Branche, der Unternehmensgröße sowie der Produktions-, Beschaffungs- und Dienstleistungstiefe wird sich das SC-Risikomanagement unterschiedlich entwickeln.

Wir gehen davon aus, dass sich Unternehmen grundsätzlich vermehrt mit dem Thema auseinandersetzen werden. Gleichzeitig ist das Supply Chain Risikomanagement kein neues Thema: Es ist bereits in der ISO 9001 verankert. Die praktische und tatsächliche Umsetzung ist jedoch recht unterschiedlich: Bei Großunternehmen ist das Risikomanagement meist etabliert – oder es bestehen zumindest ähnliche Strukturen. Bei kleineren- oder mittelständischen Unternehmen sehen wir häufig, dass entsprechende Strukturen noch nicht oder nicht in Gänze aufgesetzt sind. Hier ist es sinnvoll, erst einmal die Risiken auf der operativen Ebene zu identifizieren, um dann geeignete Sicherheitsmaßnahmen einzuführen.

Aufgrund der jüngsten Erfahrungen sollten jedoch generell alle Unternehmen ihre bisherigen Prozesse und Abläufe hinterfragen und auf Optimierungspotentiale prüfen.

Herr Ruscheweyh, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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