Blockchain im SCM: Hype oder Hoffnung?

Blockchain SCM

Unsplash/Tim Boote

Die Blockchain-Technologie verspricht ein enormes Potential für das Supply Chain Management, aktuell kommt die komplexe Technologie in der Praxis jedoch kaum zum Einsatz. Wir beleuchten den Status quo, die Zukunftsaussichten und Anwendungsbereiche der Blockchain für das SCM.

Die Blockchain ist eine der Technologien, an der aktuell kein Weg vorbeiführt. War sie vor einigen Jahren lediglich unter IT-Experten und im Zusammenhang mit der Bitcoin-Währung bekannt, wurde in der Vergangenheit zunehmend über die Fälschungssicherheit der Technologie z. B. im Zusammenhang mit dem Finanzsektor medial berichtet. Inzwischen entwickeln Visionäre faszinierende Szenarien, wie die Verwendung von Blockchain-Technologie Prozesse weltweit revolutionieren könnte – auch in der Logistik und dem Supply Chain Management. Aber: Was kann die Blockchain in der Logistik tatsächlich leisten? Und für welche Unternehmen lohnt sich die Anwendung der Technologie?

Blockchain: die Versprechen an das Supply Chain Management

Die Blockchain steht für Transparenz, Dezentralisierung, Effizienz, und vor allem Sicherheit. Das Prinzip der Blockchain gleicht einem automatisch fortgeschriebenen, digitalen Hauptbuch. Alle Datensätze werden mit dem vorangegangenen bzw. dem nachfolgenden Datensatz zu einer Kette (Chain) verknüpft. Sie werden dadurch kryptografisch, anstatt durch extra hinzugezogene Vertrauenspersonen oder Mittler verifiziert. Rückwirkende Änderungen von Einträgen sind nicht möglich, da Änderungen selbst jeweils zu einem eigenen Eintrag innerhalb der Blockchain werden. Dies in Verbindung mit der Daten-Verkettung führt zu einer sehr hohen Fälschungssicherheit der Technologie und ist ein gewichtiges Argument für Logistikentscheider. Denn in den stark segmentierten, grenzüberschreitenden Lieferketten würden viele Übergabeprozesse auf diese Weise nicht nur sicherer, sondern auch kosten- und zeiteffizienter, da vordefinierte Wenn-Dann-Routinen Handlungen und Prozesse automatisiert auslösen können: Wenn die Ware im Lager identifiziert wurden, dann wird das Geld für den Spediteur automatisch angewiesen.

Die Chronologie der Ereignisse ist somit Teil des Systems und garantiert eine lückenlose Nachverfolgbarkeit aller Waren, Entscheidungen und Prozesse. Durch diese Prinzipien wird eine sichere, unternehmensübergreifende Kommunikationsarchitektur möglich. Das Teilen von Daten funktioniert über eine Blockchain-Plattform unabhängig von den unternehmenseigenen IT-Systemen. Die Vertraulichkeit von Daten kann durch die Plattformbetreiber durch individuelle Zugriffsrechte gewährleistet werden.

Nachhaltigkeit der Blockchain

Die Vorteile der Blockchain sind zugleich auch ihre Nachteile: So kostet die Verifizierung mittels kryptografischer Verfahren durch mehrere voneinander unabhängige Rechner enorme Rechenleistung. Die Blockchain ermöglicht Produzenten und Händlern in der Theorie einen lückenlosen Herkunftsnachweis – von einzelnen Komponenten bis hin zur Zustellung des Produkts beim Endkunden. Mit wachsender Komplexität der abzubildenden Prozesse wächst jedoch auch die benötigte Leistung und damit der Energiebedarf. In Bezug auf den zunehmend wichtigen Aspekt der Nachhaltigkeit ist es kontraproduktiv, dass die Realisierung ebendieser Transparenz innerhalb der Supply Chain einen signifikanten CO2-Ausstoß verursacht. Darüber hinaus setzt die Nutzung einer Blockchain-Plattform trotz des Versprechens, einfach und systemübergreifend zu sein, einen sehr hohen Digitalisierungsgrad der teilnehmenden Akteure voraus, der noch längst nicht flächendeckend erreicht ist.

Großes Potential, wenige Use Cases

Pilotprojekte, um die Blockchain-Technologie im Bereich des Supply Chain Managements einzusetzen, gibt es weltweit. Die meisten Versuche stecken jedoch noch in der Anfangsphase. Handfeste Use Cases für die Logistikbranche gibt es nur wenige. Interesse, die komplette Lieferkette per Blockchain zu überwachen, hat zum Beispiel der weltweit größte Diamantenproduzent und -händler De Beers. Er hat die Plattform Tracr entwickelt und 2018 während einer Pilotphase 100 besonders hochkarätige Diamanten von der Miene bis zum Endkunden verfolgt. Ziel ist die Öffnung der Plattform für sämtliche Diamantenproduzenten und -händler.

Doch nicht nur besonders wertvolle Waren stehen im Fokus von Blockchain-Entwicklern. Der US-Riese Walmart, größte Einzelhandelskette der Welt, experimentiert seit 2017 im Bereich Lebensmittelsicherheit mit der Blockchain-Technologie. Darüber hinaus ist Walmart seit 2019 neben IBM, KPMG und Merck an einem weiteren Blockchain-Projekt beteiligt: Im Zuge des Pilotprogramms des U.S. Drug Supply Chain Security Act soll die Blockchain für Medikamentensicherheit und -rückverfolgbarkeit sorgen.

Ein viel beachtetes Projekt ist auch das Joint Venture des Softwareherstellers IBM mit der dänischen Reederei Maersk. Die von ihnen auf Blockchain-Basis entwickelte Informationsplattform für die Seefracht namens Tradelens ist bereits erfolgreich im Einsatz und gilt inzwischen als Paradebeispiel für die Blockchain in der Logistik.

Für welche Unternehmen lohnt sich die Blockchain-Technologie?

Jenseits des Think Tanks muss der Komplexität der Blockchain für Logistikentscheider ein realer Nutzen gegenüberstehen. Unternehmen sollten hier die Vor- und Nachteile individuell analysieren, quantifizieren und genau abwägen. Denn: In der Praxis verfügt die große Mehrheit der Lieferkettenakteure noch nicht über den benötigen Digitalisierungsgrad, um die Blockchain zu implementieren und nutzen zu können. Zudem steht für zahlreiche Unternehmen der Sicherheitsvorteil „Fälschungssicherheit“ der Blockchain nicht im Verhältnis zu den hohen Implementierungs- und Unterhaltskosten.

Hersteller und Händler von Pharmaprodukten, Luxusmarkenartikeln, Diamanten sowie andere durch Produktpiraterie und Fälschungen betroffene Branchen werden die Sicherheitsaspekte der eigenen Lieferkette sicherlich besonders hoch bewerten. Auch Unternehmen, die Schadensersatzansprüche, kostenintensive Rückrufe und den resultierenden Imageschaden fürchten müssen, dürften Wert auf den fälschungssicheren Herkunftsnachweis ihrer Ware legen. Für weniger sensible Güter lassen sich Transparenz und Nachverfolgbarkeit hingehen schneller und kostensensitiver mit Hilfe des Einsatzes einer SCM-Software realisieren.

Fazit

Die Blockchain ist vielleicht nicht die SCM-Technologie der näheren Zukunft. Sie ist jedoch eine Technologie, die für das Supply Chain Management interessante und attraktive Möglichkeiten eröffnet – vor allem in Bezug auf die Transparenz und Vertrauenswürdigkeit innerhalb der Lieferkette. Grundsätzlich sind Smart Contracts und andere automatisierte Effizienzmaßnahmen aber nicht zwangsläufig an diese spezielle Technologie gebunden. Zudem befindet sich der Großteil der möglichen Blockchain-Anwendungen für die Supply Chain noch in der Pilotphase. Es bleibt abzuwarten, ob die zukunftsweisenden Impulse und Ideen der Blockchain-Visionäre auch von anderen Akteuren aufgegriffen und weiterentwickelt werden und wer letztlich zuerst massentaugliche, einfache und nachhaltige technische Anwendungen für globale Lieferketten entwickeln kann.

 

ÄHNLICHE BEITRÄGE

Scroll Up

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie die Seite weiter nutzen, gehen wir von Ihrem Einverständnis aus. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen