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Bestandsmanagement: Ist „Just-in-Time“ noch zeitgemäß?

von Redaktion

Bedarfsgerecht produzieren, überschüssige Lagerbestände vermeiden – „Just-in-Time“ gilt als Modell der Wahl für ein modernes Bestandsmanagement. Fest steht: Die Strategie kann Kosten senken. Ob sie jedoch langfristig mehr Effizienz und Sicherheit bietet, ist gerade in Krisenzeiten nicht pauschal zu beantworten. Denn es bedarf perfekt synchronisierter Lieferketten, um schnell und flexibel auf Änderungen reagieren zu können.

In der Konsumwelt 4.0 geben die Konsumenten den Takt vor. Sie erwarten personalisierte Produkte – auf allen Kanälen jederzeit passend verfügbar und zu günstigen Preisen. Um mit der Nachfrage Schritt zu halten und gleichzeitig den Gewinn zu maximieren, setzen viele Unternehmen heute auf eine schlanke Produktion (dem „lean manufacturing“) und die Reduzierung von Lagerbeständen. Das Führen von Sicherheitsbeständen „Just-in-Case“ gilt eher als Gewinnhemmnis, da dies zu höheren Lagerkosten führt – und es keine Garantie gibt, dass die Waren tatsächlich verkauft werden.

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Verzicht auf Lagerbestände erhöht Abhängigkeit

„Just-in-Time“ lautet daher in vielen Fällen die Erfolgsformel für mehr Effizienz beim Bestandsmanagement. Das Konzept zielt auf die Verringerung der Lagerkapazitäten und der damit verbundenen Kosten. Neben den erforderlichen Flächen spart das Unternehmen Prozess-Aufwand für die Ein-, Um- und Auslagerung und kann die Durchlaufzeiten senken. Der Nachteil: Mit dem Verzicht auf eigene Lagerbestände steigt die Abhängigkeit von den Lieferanten. Fällt etwa eine Lieferung von Ersatzteilen für die Industrie aus oder kommt es zu Verzögerungen, droht unter Umständen ein Produktionsstopp – und die Wünsche der Kunden können nicht mehr „in Time“ erfüllt werden. Ob durch geopolitische Umwälzungen oder Naturkatastrophen: Wie schnell gerade Unternehmen, die vom global sourcing abhängig sind, mit Unterbrechungen in der Lieferkette konfrontiert werden können, hat die Corona-Pandemie einmal mehr gezeigt.

Balance halten: Beschaffung diversifizieren

Welche Strategie ist also vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Unsicherheiten und globaler Abhängigkeiten die richtige? Die Globalisierung komplett zurückzudrehen ist wohl kaum realistisch. In vielen Fällen müssten für Produkte und Bauteile, die beispielsweise aus Asien stammen, in Europa zunächst einmal Produktionskapazitäten aufgebaut werden. Und auch wenn es in manchen Fällen sinnvoll sein kann, im eigenen Lager einen gewissen Sicherheitsbestand vorzuhalten – eine Rückkehr zu einem reinen „Just-in-Case“-Denken mit vollen Regalen und teuren Überbeständen kann aus wirtschaftlicher Sicht nicht zielführend sein. Vielmehr geht es darum, die richtige Balance zu finden zwischen größtmöglicher Absicherung auf der einen und der Vermeidung von Verschwendung auf der anderen Seite.

Schlanke Produktion und „Just-in-Time“ müssen nicht unbedingt bedeuten, dass plötzliche Nachfragespitzen oder der Ausfall einzelner Lieferanten zu Problemen in der Bestandsverwaltung führen. Eine wirksame Präventionsmaßnahme für Hersteller stellt beispielsweise die Diversifikation ihrer Zulieferer dar. Die Unternehmen sollten darauf achten, nicht allzu sehr von einer geografischen Region abhängig zu sein. Es lohnt sich, Alternativen zu prüfen und – falls vorhanden – auch lokale Unternehmen in die Liste anerkannter Zulieferer aufzunehmen. So lässt sich bei Rohstoff-Engpässen leichter gegensteuern. Aber auch für Werkzeuge und wesentliche Komponenten der eigenen Produktionstechnik gilt: Alternativ-Optionen bereitzuhalten ist Trumpf.

Digitale Strategien für mehr Transparenz und Agilität

Wo es auf Transparenz und Flexibilität ankommt, läuft im Supply Chain Management quasi nichts mehr ohne den Einsatz moderner Technologien. Gerade der „Just-in-Time“-Ansatz erfordert einen permanenten Daten- und Informationsaustausch zwischen Lieferant und Empfänger sowie fein abgestimmte Mechanismen zur Nachfrageprognose. Die globalen Lieferketten müssen derart synchronisiert sein, dass jederzeit schnell auf lokale Änderungen der Nachfrage reagiert werden kann. Entscheidend für den Erfolg ist eine reibungslose und zuverlässige Kommunikation. Über digitale Schnittstellen kann diese vollständig elektronisch funktionieren. Auch eine Visualisierung der erweiterten Lieferketten-Netzwerke kann ein Plus an Sicherheit bedeuten. Auf dem Markt gibt es zahlreiche digitale Werkzeuge, wie zum Beispiel spezialisierte SCM-Software, die es Unternehmen erlauben, ihre Lieferkette über Systemlieferanten hinaus nachzuverfolgen, was im Fall von Unterbrechungen rasches Handeln ermöglicht.

Agiles „Just-in-Time“-Bestandsmanagement

Erfolgreiches „Just-in-Time“-Bestandsmanagement wird angesichts komplexer globaler Abhängigkeiten und zunehmender Risiken nicht einfacher. Am meisten profitieren Unternehmen, die über eine gut ausgestattete digitale Toolbox verfügen, um ihre Lieferketten transparent und rückverfolgbar zu gestalten, und die im Rahmen eines systematischen Risikomanagements auf die Diversifikation ihres Lieferantennetzwerks achten. So können sie schnell und agil auf Veränderungen in der Supply Chain reagieren – und auch in unruhigen Zeiten eine hohe Lieferzuverlässigkeit erreichen.

Ein Interview mit Tobias Ruscheweyh, Head of Branch bei Hermes International, zum Thema „SC-Riskmanagement: ‚Lieferfähigkeit auch in globalen Krisenzeiten sicherstellen‘“ finden Sie hier.

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