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Erfolgsfaktor Nachhaltigkeit: „Es ist entscheidend, Stück für Stück besser zu werden“

von Claus

Nachhaltiges Wirtschaften wird zunehmend zu einem wichtigen Erfolgsfaktor. Immer mehr Unternehmen überdenken vor dem Hintergrund ihre Strategie und suchen Best-Practice-Beispiele zur Orientierung. Eines davon ist die Otto Group, sie möchte bis zum Jahr 2030 klimaneutral in ihrer eigenen Geschäftstätigkeit werden und engagiert sich seit Jahren für eine Reduktion der CO₂-Emissionen. Ein Interview über wirkungsvolle Maßnahmen, die Sinnhaftigkeit von CO₂-Kompensation und den Status quo in Sachen Nachhaltigkeit.

Das 15. Hermes-Barometer, eine Befragung unter 200 Logistikverantwortlichen deutscher Unternehmen, hat ergeben: Entscheider*innen haben die Wettbewerbsvorteile, die langfristig mit einem grünen Supply Chain Management einhergehen, erkannt und auch die Bereitschaft, Prozesse nachhaltiger zu gestalten, wächst.

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Alexander Gege, CR-Lead Climate & Ecology bei der Otto Group.

Branchen-Riese Otto verfolgt bereits seit Jahren erfolgreich eine grüne Strategie – und hat sich für die Zukunft weitere ehrgeizige Ziele gesetzt. Wir sprachen mit Alexander Gege, CR-Lead Climate & Ecology bei der Otto Group, über Verantwortung, hochwertige Kompensation und Herausforderungen auf dem Weg zum klimaneutralen Unternehmen.

Herr Gege, die Otto Group setzt sich bereits seit Jahren für ambitionierten Klimaschutz ein. Seit 2006 konnte die Gruppe ihre CO2-Emissionen bereits um mehr als 50 Prozent senken. Welche Maßnahmen waren auf dem Weg besonders effektiv?

Wir haben unsere Verantwortung in der Otto Group früh erkannt. Die ersten unternehmensinternen Projekte wurden dafür schon in den 1990er Jahren auf den Weg gebracht. 2006 folgte die erste konzernweite Klimaschutzstrategie mit dem Ziel, die CO₂-Emissionen an den eigenen Standorten, bei Beschaffungs- und Distributionstransporten sowie im Bereich der Angestelltenmobilität bis Ende 2020 zu halbieren. Dieses Ziel konnten wir übererfüllen – ohne Zertifikate für die CO2-Kompensation zukaufen zu müssen.

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Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Die positive Entwicklung basiert auf zwei verschiedenen Säulen: Zum einen auf der Steigerung der Energieeffizienz und dem Ausbau eigener erneuerbarer Energien an unseren Standorten. Neben der Nutzung von Photovoltaik und Erdwärme spielt Biomasse beispielsweise eine zunehmende Rolle für die Wärmeerzeugung und den Wärmebezug unserer Gebäude. Darüber hinaus nutzen wir auch Blockheizkraftwerke, um Energie effizienter zu nutzen und die eigenen Emissionen zu verringern. Wir verfolgen das Ziel, bis 2025 alle Standorte zu 100 Prozent mit qualitativ hochwertigem Ökostrom zu versorgen.

Die zweite Säule betrifft den Transportbereich, wo Hermes Germany ja eine entscheidende Rolle für uns als Otto Group spielt: Hier ist die Warenbeschaffung aus den verschiedenen Produktionsländern der größte Hebel für den Klimaschutz. Konkret geht es hier um die Verlagerung von Luftfracht auf emissionsärmere See-, Straßen- und Schienentransporte. Es wird spannend sein, zu sehen, welche Innovationen in den Bereichen der Luftfracht und Seefracht in naher oder ferner Zukunft eine Rolle für den Klimaschutz spielen können.

Aber auch im Hinblick auf die Transporte auf der „Langen Strecke“ und der „Letzten Meile“ konnten wir durch neue Standortkonzepte, effizientere Tourenplanungen oder die Modernisierungen des Fuhrparks sowie die Nutzung alternativer Antriebstechnik Optimierungspotential heben.

Last but not least: In der Otto Group sind nachhaltiges Wirtschaften und Klimaschutz strategisch im Top-Management verankert. Der Konzernvorstand ist dabei u.a. auf das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen (inkl. Klima-Kennzahlen) incentiviert und in alle relevanten Entscheidungsprozesse eingebunden. Durch diesen „tone from the top“ lässt sich Klimaschutz sehr effektiv und erfolgreich im Kerngeschäft verankern.

Die Otto Group hat nun die nächste Hürde in Angriff genommen: Innerhalb der nächsten neun Jahre möchte sie die vollständige Klimaneutralität in ihrer eigenen Geschäftstätigkeit erreichen. Das klingt nach einem ehrgeizigen Plan. Wie wollen Sie diesen umsetzen? Was sind Ihre nächsten Schritte?

Die sich zuspitzende Klimakrise erfordert ein neues Wirtschaften. Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle verändern, Prozesse neu denken und Partnerschaften über Wettbewerbsgrenzen hinaus eingehen, um die gravierenden Veränderungen anzuschieben, die es jetzt braucht. Die Otto Group befindet sich auf diesem Weg der grünen Transformation.

Unter dem Dach unserer neuen Corporate Responsibility Strategie haben wir das Ziel ausgegeben, bis 2030 in unserer Geschäftstätigkeit klimaneutral zu werden. Diese umfasst die Standorte, Beschaffungs- und Distributionstransporte sowie die Mobilität der Mitarbeitenden. Auch Emissionen aus extern ausgelagerten Rechenzentren und Cloud-Dienstleistungen haben wir erstmals in den Scope aufgenommen. In allen Teilbereichen verfolgen wir unseren etablierten Klimaschutzansatz: Emissionen vermeiden, dann reduzieren und erst in allerletzter Konsequenz hochwertig kompensieren.

Wir sehen uns auch hier bereits auf einem guten Weg und werden weiterhin bewährte Maßnahmen gezielt umsetzen sowie neue Maßnahmenpotenziale identifizieren. Wichtig in diesem Zusammenhang: Wir können das alles nur in einem sehr engen und partnerschaftlichen Austausch mit den unterschiedlichen Konzerngesellschaften umsetzen, denn dort werden die operativen Klimaschutzmaßnahmen auf den Weg gebracht. Auch eine stetige und konstruktive Kollaboration der Konzerngesellschaften untereinander ist ein zentraler Erfolgsfaktor für die Erreichung unserer heutigen und künftigen Otto Group Klimaschutzziele.

Wichtig ist auch, mit der großen Dynamik Schritt zu halten, die sich beispielsweise durch zunehmende politische Regulation oder Aktivitäten von Wettbewerbern ergibt. Deshalb passen wir unsere Ziele stets an und beschäftigen uns sehr intensiv damit, wie wir entlang unserer gesamten Wertschöpfungskette, also jenseits unserer eigenen Kernprozesse, noch wirksamer werden können. Dazu gehört beispielsweise die Auseinandersetzung mit neuen relevanten Klimaschutz-Standards, wie zum Beispiel Science Based Targets.

Über unsere eigenen Klimaschutzaktivitäten hinaus, knüpfen wir Netzwerke mit anderen Unternehmen, politischen Akteuren, Wissenschaft und der Gesellschaft. Auf diese Weise bündeln wir Kräfte und schaffen wertvolle Synergien, was für ein ambitioniertes und erfolgreiches Klimaschutzmanagement unerlässlich ist. Ohne diese „Transformationsallianzen“ ist ganzheitlicher Klimaschutz – über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg – heutzutage undenkbar.

Wie stehen Sie zu den als „Ablasshandel“ kritisierten CO2-Kompensationen durch den Kauf von Zertifikaten?

Hier gilt es zu differenzieren: Grundsätzlich sollten Zertifikate zur CO2-Kompensation immer nur ein letztes Mittel sein. Im ersten Schritt sollte es immer darum gehen, Emissionen in den Prozessen konsequent und messbar zu verringern. In der Otto Group verfolgen wir ebendiese „Maßnahmenhierarchie“ und konnten unsere bisherigen Klimaschutzziele dementsprechend ohne den Zukauf von CO2-Zertifikaten erreichen.

Im Hinblick auf unsere aktuell gültige Klimastrategie kann Kompensation, unter den oben beschriebenen Voraussetzungen, eine sinnvolle Ergänzung sein – wenn wir uns an den besten Dienstleister*innen und Qualitätsstandards orientieren. Es ist in diesem Zusammenhang auch wichtig zu betonen, dass die neuen Klima-Rahmenwerke, wie Science Based Targets, Kompensationsmaßnahmen nicht als Mittel zur Zielerreichung zulassen. Solche Entwicklungen müssen Unternehmen selbstredend im Blick haben und das Thema Kompensation vor dem Hintergrund immer wieder neu bewerten.

Herr Gege, haben Sie ein Beispiel, wie eine qualitativ hochwertige Kompensation aussehen kann?

Hermes Germany hat gemeinsam mit uns als Otto Group sowie den Konzerngesellschaften HES, OTTO und Bonprix im Jahr 2021 den CO2-neutralen Versand auf den Weg gebracht. Uns war klar, dass hochwertige Kompensationszertifikate eine Ergänzung zu bestehenden und künftigen Reduktionsmaßnahmen in der Distribution sein werden. Für die Projektauswahl haben wir den renommierten Dienstleister Atmosfair ins Boot geholt. Atmosfair garantiert sehr hohe Qualitätsstandards und macht auch hinsichtlich der Kommunikation klare Vorgaben, die sehr gut zu unserer Haltung passen.

In Kooperation mit Hermes Germany, OTTO und Bonprix unterstützen wir darüber hinaus das tomoorow-Projekt. Ziel des Projektes ist die systematische Wiedervernässung trockengelegter Moore in Deutschland und Europa. Daraus sollen sich mittelfristig eigene CO2-Zertifikate „vor der Haustür“ ergeben, die dann beispielsweise auch für den CO2-neutralen Versand genutzt würden.

Was werden Ihrer Meinung nach künftig die größten Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität sein?

Unser aktuelles Klimaneutralitätsziel 2030 bezieht sich auf unsere eigene Geschäftstätigkeit. Hier konnten wir in der Vergangenheit bereits sehr effizient und häufig auch betriebswirtschaftlich attraktiv Einfluss nehmen. Der Großteil unserer klimaschädlichen Emissionen in der Otto Group entsteht aber in der vorgelagerten Lieferkette. Deshalb arbeiten wir mit Nachdruck an einer besseren Transparenz entlang unserer gesamten Lieferkette – vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt. Auch wenn sich der Zu- und Durchgriff auf diese Wertschöpfungsstufen deutlich schwieriger darstellt, ist es für uns entscheidend, auch hier Stück für Stück besser zu werden.

Im 15. Hermes-Barometer “Green Supply Chain Management” wurde diese Herausforderung ebenfalls deutlich: 61 Prozent der Logistikverantwortlichen stimmten der Aussage zu, dass sie nur mäßigen Einfluss auf das Verhalten ihrer Zulieferbetriebe und fast gar keinen Zugriff auf das Verhalten der nachgelagerten Unternehmen haben. Wo setzen Sie an, um diese Hürden zu verringern?

Hier geht es sowohl um Bewusstseinsbildung und Grundlagenvermittlung als auch um konkrete Maßnahmenansätze zur Emissionsreduktion. Konkrete Beispiele wären Energieeffizienzmaßnahmen oder die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien in den Produktionsstätten. Wir konzentrieren uns in diesem Zusammenhang auch auf gemeinsame Aktivitäten mit anderen Unternehmen, beispielsweise unter dem Dach von richtungsweisenden Initiativen und Mitgliedschaften wie der UN Fashion Industry Charter for Climate Action. Dabei gilt, dass wir sehr partnerschaftlich und eng mit den jeweiligen Akteuren in der Lieferkette zusammenarbeiten wollen, um diese wirklich sehr großen Herausforderungen gemeinsam erfolgerich anzugehen.

Herr Gege, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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