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„Wahrscheinlich wird es erst 2023 zu einer gewissen Beruhigung kommen“

von Redaktion

Nach den enormen Herausforderungen in 2021 hofft die Logistikbranche auf ein weniger aufreibendes neues Jahr. Wir sprachen mit Stephan Schiller, CEO von Hermes International, einem Geschäftsbereich von Hermes Germany, über das „New Normal“, den Wert strategischer Partnerschaften in der Krise und die wichtigsten Pandemie-Learnings, um kommende Aufgaben erfolgreich anzugehen.

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Stephan Schiller, CEO von Hermes International, einem Geschäftsbereich von Hermes Germany.

Herr Schiller, der internationale Markt ist pandemiebedingt nach wie vor in Aufruhr: Lieferschwierigkeiten, hohe Transportkosten und Containerengpässe gehören zum Tagesgeschäft. Ist das bereits das „New Normal“ der Logistikbranche? Oder wann rechnen Sie mit einer Entspannung der Lage?

Ich tue mich etwas schwer mit dem Begriff „Normal“: Ob nun „old“ oder „new“ – selbstredend stellt die Pandemie eine enorme Zäsur im internationalen Warenverkehr dar und hat, wie in anderen Branchen, Schwachstellen und auch Entwicklungsfelder innerhalb der Logistik aufgedeckt. Vor allem hat sie das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage am Markt verändert.

Diese Veränderung wird, aus meiner Sicht, auch im kommenden Jahr weiter bestehen bleiben. Wahrscheinlich wird es erst in 2023 zu einer gewissen Beruhigung kommen – vorausgesetzt wir haben die Pandemie bis dahin überwunden.

Welche Erkenntnisse konnten Sie aus dem Marktgeschehen in 2021 gewinnen? Welche Potenziale ergaben bzw. ergeben sich daraus?

Als Hermes International überdenken wir stetig unsere Positionierung. Im Fokus steht die Frage: Welchen Mehrwert (Reason Why) wollen wir für Auftraggeber*innen generieren? Unsere operative Stärke hat uns ohne Zweifel gut durch das Jahr 2021 gebracht, der Status-quo wird in der Zukunft aber nicht länger ausreichen.

Wir wollen für unsere Kund*innen zukünftig eine wichtige Rolle im gesamten Kontext ‚Supply Chain‘ spielen. Nicht nur in der Abwicklung von Transporten, auch die Planung, Ausrichtung und die Optimierung sollen dabei zunehmend in den Fokus rücken. Transparenz sowie die Verfügbarkeit und systematische Nutzung von Daten werden dabei eine herausragende Rolle spielen.

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Für eine jüngst erschienene Studie befragte die Deutsche Industrie- und Handelskammer 3.200 deutsche Konzerne, die auch im Ausland vertreten sind. Demzufolge planen 32 Prozent der Konzerne Veränderungen im Hinblick auf ihre Lieferwege, 15 Prozent planen die Verlagerung ihrer Produktion. Wie bewerten Sie diese Überlegungen? Was raten Sie Entscheider*innen, die in der angespannten Lage nach Lösungen suchen?

Einen pauschalen Rat gibt es hier nicht. Die Warenart, deren Abhängigkeit von Transportpreisen und die Time-to-Market des jeweiligen Produktes sind entscheidend für die gewählte Strategie. Grundsätzlich ist es jedoch ratsam, eine möglichst optimale Resilienz zu erreichen und Abhängigkeiten zu vermeiden. Das gilt sowohl für Beschaffungsmärkte als auch für die Anzahl eingesetzter Dienstleister*innen und das Management des Warenbestandes.

Stichwort Produktionsverlagerungen: Hermes International ermöglicht seinen Kund*innen dank strategischer Partnerschaften mit ‚Local Heros‘ wie dem indischen Spediteur Jeena oder dem pakistanischen Full-Service-Unternehmen WWG den Einkauf und die Produktion in ebendiesen Ländern. Sollten Unternehmen künftig vermehrt auf enge Partnerschaften mit einzelnen Akteuren setzen, um handlungsfähig zu bleiben? Welche Strategie ist für international agierende Unternehmen Ihrer Meinung nach die effizienteste?

Unser Geschäftsmodell ist im Vergleich zu großen Marktbegleitern noch relativ jung. Wir haben uns sehr bewusst dafür entschieden, nicht zwingend mit eigenen Büros in den großen Märkten vertreten zu sein.

Für uns war der Schulterschluss mit sogenannten ‚Local Heros‘, sprich: mit Unternehmen, die auf den jeweiligen Märkten bestens vernetzt und mit den lokalen Besonderheiten vertraut sind, der sinnvollere Weg. Mit einigen unserer Partner*innen, arbeiten wir ohnehin bereits seit Jahren erfolgreich eng zusammen. Eine Vertiefung dieser Verbindung war hier ein logischer Schritt.

Partnerschaften mit ‚Local Heros‘, wie wir sie pflegen, ermöglichen eine maximale Verbindung zu dem jeweiligen Markt. Das vereinfacht nicht nur die oft notwendige Extra-Meile, sondern bietet insbesondere Markteinsteiger*innen klare Effizienzvorteile, da diese auf das umfassende Know-how unserer externen Kolleg*innen zurückgreifen können.

Grundsätzlich gilt aber auch hier: Es gibt keine pauschale Vorgehensweise. Die gewählte Strategie sollte sich stets an den Kundenanforderungen, den eigenen Unternehmenszielen sowie dem Marktumfeld ausrichten.

Unternehmen reagierten bisher sehr unterschiedlich auf die anhaltenden Herausforderungen. Studien belegen jedoch, dass die Digitalisierung insgesamt während Corona einen weiteren Schub erhalten und auch das Thema Supply Chain Risikomanagement an Relevanz gewonnen hat. Werden Unternehmen künftig agiler auf Krisen reagieren können? Wie schätzen Sie die Learnings auf Unternehmensseite ein?

Ohne Frage hat die Pandemie auch in unserem Marktumfeld wie ein Zeitraffer gewirkt und nicht optimale Prozesse sowie Entwicklungspotential aufgedeckt. Die Wichtigkeit einer detaillierter Mengenplanung und die Fähigkeit, jederzeit auf Basis eines aktuellen Datenstandes Entscheidungen zu treffen, wird künftig erfolgsentscheidend sein – und kann durch die Digitalisierung sowie Technologienutzung beantwortet werden. Daran werden alle Beteiligten von Lieferketten zielorientiert arbeiten müssen, um wieder in eine stabilere Steuerung zu kommen und sich langfristig am Markt behaupten zu können.

Im Jahr 2018 äußerten Sie den Wunsch, dass die „Logistik als ein wertgeschätzter Prozess wahrgenommen wird“. Seitdem ist viel passiert: Nie war das Bewusstsein für die Relevanz, aber auch die Fragilität logistischer Prozesse innerhalb der Gesellschaft größer. Geht damit auch die von Ihnen gewünschte Wertschätzung für die Branche einher? Welche Veränderungen würden Sie sich darüber hinaus wünschen?

Wenn ich der Pandemie irgendetwas Gutes abgewinnen kann, dann die Tatsache, dass Logistik im ersten Schritt maximal an Aufmerksamkeit gewonnen hat: Ein havariertes Containerschiff hätte es unter ‚normalen‘ Umständen nicht in die 20-Uhr-Nachrichten geschafft. Auch die veränderten Parameter im internationalen Flugverkehr haben dazu geführt, dass Endverbraucher*innen sensibler für Zusammenhänge entlang globaler Lieferketten geworden sind.

Ergänzend dazu würde ich mir wünschen, dass Endverbraucher*innen die damit verbundene Verantwortung noch bewusster wahrnehmen und entsprechend bei der Auswahl eines Produktes berücksichtigen. Nur so wird sich eine Veränderung nachhaltig durchsetzen.

Welche Themen beschäftigen Sie aktuell, auch im Hinblick auf die globale Expansion und die Volatilität des Marktes?

Wenn man mich ganz persönlich fragt, dann – das hört sich fast theatralisch an –  wünsche ich mir vor allem ein friedliches Miteinander der Menschen. Denn auch in diesem Zusammenhang hat die Pandemie teilweise eine hässliche Fratze gezeigt.

Mit dem Wunsch nach einem friedlichem Miteinander, geht der Wunsch nach Frieden einher. Es ist nicht auszudenken, welche Effekte kriegerische Aktionen im Osten Europas oder im Pazifik-Raum auf die Menschen vor Ort hätten.

Fragt man mich als Logistikexperte, dann möchte ich an dieser Stelle noch anmerken, dass derartige Konflikte auch enorme Auswirkungen auf die internationalen Lieferketten und somit die Warenverfügbarkeit und Preise hätten.

Herr Schiller, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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